Georgische Geschichten, Teil I
23. 01. 2010
Im November war ich mit einem Fotografen und einem Übersetzer in der russisch-georgischen Grenzregion unterwegs. Wir sollten über das Verschwinden von jungen Männern berichten, die nach Zeugenaussagen von Georgiern oder Abchasen verschleppt und zum Dienst in der Miliz gezwungen wurden. In dieser Gegend tauchen junge Männer und Kinder seit Ende der 90er Jahre einfach ab. Ohne Grund und, ohne eine Spur zu hinterlassen. Der letzte Gewaltausbruch im Spätsommer 2008 hinterließ dann diese vielen Leichen auf offener Straße. Und in einigen Toten erkannten Freunde oder die eigene Familie einen Menschen wieder, den sie lange verloren glaubten.
Im Dorf *** gab es so einen Fall. Nach Jahren der Ungewissheit fand ein Bauer seinen Sohn keine zwei Kilometer vom eigenen Hof entfernt. In Uniform und wohl grausam zugerichtet. Wir suchten die Eltern auf, um Interviews und Fotos zu machen.
*** ist eine Ansammlung von zwanzig Holzhäusern. Ein paar Einschusslöcher, eine kleine Kirche, wütende Hunde, die Wäsche auf der Leine dunkelgrau und braun. Wir wurden erwartet und folgten dem alten Ehepaar durch den Matsch eine kleine Anhöhe hinauf. Vor dem Haus lag ein Haufen aus rostigen Eisengeräten, Plastikbahnen und kleinen kaputten Drahtkäfigen. Ein paar Latten auf dem Boden, um sicher gehen zu können. Sie baten uns hinein und wir setzten uns an den Küchentisch. Stille Menschen, kaum ein Wort. Die Frau kochte starken schwarzen Tee. Er schnitt uns Käsescheiben, die nach Milch und Butter schmeckten. Eine Katze sprang dem Alten auf den Schoß. Grau getigert. Sie ließ sich von ihm am Bauch kraulen und blieb schnurrend liegen, während wir redeten.
Dann die traurige Geschichte. Wie alles schlechter geworden sei, seit ihr Sohn nicht mehr da ist. Dass sie niemand versorgen würde, wenn sie einmal nicht mehr könnten. Dass er ja noch keine Frau und keine Kinder gehabt habe. Wie jung er gewesen sei. Und nie ein Wort über Politik. Schließlich der Tag, als der Alte seinen Sohn fand. Die Wunden und der Ausdruck in dem blassen Gesicht. Er wolle, daß die Welt von seinem Sohn erfahre. Und er scheiße auf die Miliz und all die anderen korrupten Schweine. Sie zeigten uns zwei Fotos. Ein kleiner Junge in schwarz-weiß und eine Familienfeier im Garten.
Ich fragte nach einer Geburtsurkunde oder einem Ausweis ihres Sohnes. Nein, sie hätten nichts von ihm. Seit den Kämpfen sei auch in der Kreisstadt alles zerstört, und keine Behörde hätte noch Unterlagen. Ich erklärte die Schwierigkeiten, die wir hier mit Propaganda von beiden Seiten hätten. Und, daß wir einen Nachweis bräuchten, um die Geschichte zu belegen. Der Mann starrte uns entgeistert an. Ein hilfesuchender Blick, sein Gesicht verzerrte sich. Der kleine Tiger schreckte hoch und maunzte. Der Alte schaute auf seinen Schoß. Dann plötzlich packte er die Katze, schmiss sie auf den Tisch, drückte sie mit der linken Hand flach auf das Holz, nahm mit der Rechten das Messer, holte weit aus und rammte dem Tier die Klinge quer durch den Rücken. Er schrie etwas. "Das ist nichts gegen den Schmerz, den ich fühle! Und ich soll ein Lügner sein?" Unser Übersetzer lief nach draußen und übergab sich.
Langsam gewann die Frau ihre Fassung wieder. Sie bekreuzigte sich, flüsterte ein paar Worte und legte dann ihre Hände wie zum Gebet ineinander. Ich schaute auf den Tisch. Das Zucken hatte aufgehört. Und kein Blut. Er hatte das Messer mit so einer Wucht in das Tier gestochen, daß die Wunde im Holz steckte.
Als wir uns verabschiedeten, drückte mir die Frau ein kleines Heiligenbild aus Papier in die Hand. Sie seien keine schlechten Menschen. Ich versprach ihr, die Geschichte ihres Sohnes aufzunehmen. Der Mann schaute mich lange an. Ich gab ihm nicht die Hand.
Gedichte
23. Januar,
05:12
Miroslav B. Dusanic | Antworten
...mir drehte sich Magen um…
aber die Reaktion ist mir durchaus nachvollziehbar: in Herd- und Kriegsgebieten sind Betroffene verzweifelt und völlig durcheinander… So hat ein Familienvater an der Grenze zu Serbien (in der Flüchtlingskolone, nach der kroatischen Offensive in Krajina) vor den Augen überraschter Zöllner, sein Kind, seine Frau und anschließend sich selber erschießt, weil er nicht „verstehen konnte“, warum seine „serbische“ Familie von serbischen Beamten kontrolliert sein sollte…dabei schienen andere Flüchtlinge unberührt zu sein, sie beschäftigten sich mit eigenem Kram…
23. Januar,
08:53
Quer | Antworten
Was für eine ungeheuerliche Geschichte! Da stockt einem der Atem und das Denken setzt aus...
Vorerst einfach: Herzlichen Willkommgruss, Bjoern,
schön, dass du wieder da bist!
Brigitte
23. Januar,
14:47
bruemmer | Antworten
ich auch.
23. Januar,
18:17
Henkki Zakkinen | Antworten
Ich bin beeindruckt. Was für eine Geschichte. Ich denke immer, so eine Situation muss nicht nur diejenigen traumatisieren, die in ihr leben, sondern auch die, die darüber berichten. Dein letzter Satz drückt das sehr deutlich aus.
Schön, dass Du wieder da bist!
H
24. Januar,
13:02
Fabian | Antworten
So kalt wie Dein Schreiben, muss Dein Puls gewesen sein.. Ich sehe die Bilder wie in einem Kino!
Bin auf weiteres gespannt und froh, deine Buchstaben wieder sehen zu können!!
Fabian
24. Januar,
15:38
LadyArt | Antworten
Als wir uns verabschiedeten, drückte mir die Frau ein kleines Heiligenbild aus Papier in die Hand. Sie seien keine schlechten Menschen...
...die Tiefen der menschlichen Erfahrung, der menschlichen Seele auszuloten in Friedenszeiten, den Schrecken herholen aus Erzählungen, aus Berichten, ausloten, was sich da abspielen kann zwischen dem Grauen des einen und des anderen Morgen, zwischen hier und da....
...als ich 16jährig erfuhr, dass es den Holocaust gegeben hatte, schrie ich meinen Lehrer an, widersprach tobend, strafte ihn Lügen, das könnte nicht geschehen sein, da meine Eltern damals gelebt hätten, niemals hätten sie das zugelassen... wenige Stunden später wurde ich eines anderen belehrt... ernüchtert, erschauert, seit damals auf dem seelischen Schlingerpfad, wer, wenn jetzt damals wär, nähme die Maske ab, nähme sie ab...
...wir sind keine schlechten Menschen, wo fängt Opfer an und wo hört Täter auf, wo das eine, das andere? Wie viel Stolz ist zulässig, wie viel Demütigung kann man ertragen?
...die aus den Kriegseinsätzen zurückkehrenden jungen Soldaten sind zu Hunderten traumatisiert und leiden unter seelischen Angstzuständen und finden in unserer Gesellschaft sogar einen medizinischen Fachausdruck für diese Art der Seelennot PTBS.
Man denke mal, die Menschen in jenen, an Russland annektierten Ländern, leben teilweise seit Jahrzehnten in diesem Schwebezustand der permanenten Bedrohung, das Ausmaß ihrer Seelennot kommt durch die Geschichte zum Ausdruck. (auch die von Miro, nicht minder deutlich!!!)...
...wie viel vermag der Mensch auszuhalten?
...ab wann ist der Mensch ein schlechter Mensch?
...ab wann gilt der Ausdruck Trauma, ist er nur deshalb anwendbar, weil die heile Zone das Maß ist, waren nicht unsere Eltern vollkommen traumatisiert, wer nahm sich ihrer an, in jenen Tagen danach?
Grausamkeit wird niemals durch Grausamkeit relativiert – der Kampf gegen den Keim ist ein wichtiger...
Lieber Bjoern, tief berührt!
24. Januar,
18:26
Marga | Antworten
Endlich wieder! Ehrlich, manchmal habe ich mir Sorgen gemacht. Schön, dass das nicht nötig war und schön auch, dass es hier gleich so gewaltig losgeht.
"Er hatte das Messer mit so einer Wucht in das Tier gestochen, daß die Wunde im Holz steckte"! Das Bild werde ich so schnell bestimmt nicht vergessen.
25. Januar,
01:37
Step | Antworten
Hey, die story macht betroffen, gut geschrieben und alles, jetz kannste mal m
wieder lustig weiterschreiben , ne .....oder auch ernst, wie de willst, du literamoll thermostat... echt wayne...
der Schnurrer auf dem Tische heftet
heftig es beim schnurren zischelt...
Kligt bei weitem nicht so ausdrucksstark....ist einfach ne andere Stimmung, die da rüberkommt.
Also find ich jetz... weita! so,,,
25. Januar,
22:02
Sammelmappe | Antworten
Grauslig - du wagst dich immer mittenrein beim Schreiben.
28. Januar,
00:30
Susanne | Antworten
Ich denke ja, dass diese Geschichte an sich eine sehr beruhigende Wirkung auf unsereins hat.
ad 1: Ach wie schön, daß ich den Laptop zuklappen, kurz nach dem Kater schielen und in der Küche mir noch ein Glas nicht zu süßen Soaves aus der Speisekammer - im Winter besser als jeder energieverschwendender Kühlschrank - nehmen kann!
ad 2: ach ja, der Schmerz, die Trauer, die Not, die Verzweiflung! Wie sie mich anrühren, und auch mitnehmen. Wie die Robbenbabies, die Kinder in Haiti, die na wie hießen sie noch diese Bimbos da irgendwo inmitten Afrikas?
ad 3: Aber mal ganz ehrlich und unter uns: was ist das schon gegen diesen Schmerz in mir? Jenes bebende Dabeisein, Damitsein, Ineinssein, das meine Venen reizt, meine Stimme bricht, mein Auge quält?
ad 4: Nichts Schöneres weiß ich mir als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen... (who the hell's said that?!)
ad 5: Menschen, die hilflose Tiere umbringen, sind per definitionem böse, oder nicht?
ad 6: Jetzt prüfen wir doch einmal in aller Ruhe alle Informationen (ach Gott, wie oft wird man belogen, wem glaubt man denn noch, selbst der Papst soll nur ein Stellvertreter sein usw. usf..)
ad 7: Dieser Jesus war ja auch nicht ganz ohne! Selbst Mohammed, aber okay, lieber davon geschwiegen, wer will schon den Rest seines Lebens Angst davor haben, seine Briefe zu öffnen,,
ad 8: nachts, allein im Bett, scheint alles manchmal doch sehr einfach zu sein, aber am Morgen ist allesb dann wieder so beschissen kompliziert und einfach eher zu viel. Captain America, where art thou?
ad 9: wer bis hierhin mitgelesen hat, bekommt jetzt eine Belohnung: der Kaffee beim ***Name von der Redaktion gestrichen*** schmeckt nicht übler als und kostest kaum die Hälfte vom Kaffee bei ***Name von der Redaktion gestrichen***
ad 10: Gute Nacht allen hingebungsvollen Kindern der wundersamen Zentralheizung
05. Februar,
03:42
Ronald hat Susanne geantwortet: | Antworten
Zu „ad 5“: Es berührt uns Menschen immer mehr, wenn ein Tier umgebracht wird, als ein Mensch!
Mich hat diese Szene in der Geschichte auch sehr getroffen, zumal ich selbst lange Katzen gehabt habe, aber ich konnte trotzdem nicht den toten Sohn vergessen.
Während Kriegszeiten sind die Menschen jedoch zu noch viel mehr „Bösem“ fähig als „nur“ zum Töten einer Katze: Krieg selbst ist böse!
07. Februar,
05:22
Ronald hat Ronald geantwortet: | Antworten
... vom täglichen Massenmord an Tieren zu unserer Fleischversorgung will ich mal gar nicht reden! Zu welcher Doppelmoral doch der Mensch fähig ist ...
04. Februar,
00:01
Evelyn | Antworten
Wuerde diese Geschichte 100 Seiten umfassen, haette ich atemlos und ohne Pause weiter gelesen. Was fuer eine Wucht und Eindringlichkeit diese Szenerie hat!
Doch ich hoffe, der Mann wird seinen Schmerz mit der Zeit in irgendeiner Weise zu stillen wissen.
Ich bitte um schnellstmoegliche Fortsetzung deines Erlebnisberichts! Danke und beste Gruesse.
07. Februar,
17:20
litteratte | Antworten
Jemand schrieb es oben schon -
der Atem stockt.
Im ersten Moment wegen der Katze.
Dann vor Erschrecken, dass ich bis dorthin Deinen Bericht ungerührt gelesen hatte. Vorrangig habe ich Respekt vor dem Mut empfunden, sich in das Krisengebiet zu wagen.
Deutlicher konntest Du mir meine Oberflächlichkeit nicht vor Augen führen.
Für den Moment hat es geholfen - ist ja auch schon was...
herzlichen Gruß
12. Februar,
11:27
Heidi Hof | Antworten
Ui ...
Schön, dass du wieder da bist!
Gruß
Heidi
21. Februar,
20:05
Dresi | Antworten
Björn, einen netten Schöndassduwiederdabistgruß auch von mir.
Ich ringe momentan ein wenig mit mir. Folgendes Problem habe ich:
Soll ich schreiben, was mir durch den Kopf geht? Bezug nehmen auf die Geschichte, ein paar klingende Adjektive aufschreiben? Oder vielleicht lieber zum ein oder anderen Kommentar eine Antwort schreiben, einen anmerkenden Satz, der ausdrückt, wie wenig oder sehr ich übereinstimme oder auch nicht?
Nein, ich lasse das klug klingende Geschreibsel und beschränke mich auf zwei Worte: durchaus beeindruckend. Und diese zwei Worte dürfen sowohl bezogen auf deine Geschichte als auch bezogen auf die Welle von Kommentaren, die sie nach sich gezogen hat, verstanden werden.
Ein kurzes Kopfnicken zum Sonntagabend,
Dresi
02. März,
12:34
Evelyn | Antworten
http://www.youtube.com/watch?v=OMpqzwJkK8Q
diese Szene in Bertoluccis "Novecento" liess mich an deine Geschichte denken...